Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Preisverleihung

Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

bei der Verleihung des Nationalen Integrationspreises am 29. Oktober 2018 in Berlin:

Sehr geehrte Frau Staatsministerin, liebe Annette Widmann-Mauz,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich hier im Bundeskanzleramt zur Verleihung des Nationalen Integrationspreises
.

Integration ist eine doppelte Herausforderung: für die, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, und
für diejenigen, die diese Menschen hier aufnehmen. Integration ist ein Weg, der beide also zueinander führt.
Dieser Weg ist manchmal lang, mitunter steinig. Aber es ist auch ein Weg, auf dem sich Begleiter finden, die
Mut zusprechen, die die Richtung weisen und die Hand reichen, um Hindernisse zu überwinden.

Wir möchten diese Helfer und Wegbegleiter auch öffentlich würdigen. Denn zum einen hilft ihreArbeit dem
einzelnen Menschen, der zu uns gekommen ist. Sie hilft dabei, sich zurechtzufinden und sich etwas aufzubauen.
Zum anderen ist der Einsatz dieser Helfer für unsere Gesellschaft insgesamt von Bedeutung. Denn dadurch
werden Toleranz und Zusammenhalt gefördert. Das geschieht oft ehrenamtlich und auf vielerlei Weise. Und das
verdient wahrlichAuszeichnungen.

Es freut mich, dass wir heute zum zweiten Mal den Nationalen Integrationspreisverleihen. Ich möchte den
vielen Institutionen, die Projektenominierthaben, ganz herzlich danken. Die Projekte sind vielfältig, sie
sind kreativ. Nach Deutschland geflohene Menschen schreiben zum BeispielZeitungstexte über ihreErfahrungen,
und zwar auf Deutsch. Es gibtSchwimmunterricht für geflüchtete Frauen und Wohngemeinschaften von jungen
Deutschen undjungen Flüchtlingen und vieles andere mehr. Aus all diesen bemerkenswerten Initiativen einen
Preisträgerzu bestimmen, ist alles andere als einfach. Deshalb freuen wir uns, dass wir eine Jury haben, die
sich dieser komplizierten Aufgabe widmet. Herr Weise, FrauRoth, Herr Mansour, Frau Professor Foroutanund Herr
Khedira haben sich dieser Aufgabe als Jury auch in diesem Jahr wieder gestellt.

Der Weg der Integration hat viele große und kleine Etappen: die Sprache zu lernen, einen Ausbildungsplatzzu
finden, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, Freunde zu gewinnen, an deutschen Festen teilzunehmen; und
ich mag mir angesichts unserer Bürokratie gar nicht vorstellen, was alles man da verstehen muss. Selbst uns
fällt wahrscheinlich auf, wie viel einfacher man manches machen könnte.Überall diese Etappen hinweg kommt vor
allem eines zum Tragen: Werte undGrundüberzeugungen, die wir in unserem Land teilen und auf denen unser
friedliches Zusammenleben hier beruht.

Wertevermittlung war der Schwerpunkt der diesjährigen Preisträgerwahl. In den nominierten Projekten wird
vorgelebt, dass für alle Menschen in unserem Land dieselbe Grundlage gilt, nämlich unsere
freiheitlich-demokratischeGrundordnung – Annette Widmann-Mauzhat das eben auch schon gesagt. Dazu gehören ein
respektvoller, selbstverständlich auchgewaltfreier Umgang miteinander, die Gleichberechtigungvon Mann und
Frau,Meinungs- und Glaubensfreiheit. Wenn Kinder auf dem Schulhof als Juden beschimpft werden, muss die
Schule sofort reagieren. Wenn Frauen mitKopftuch oder Männer mit Kippaangepöbelt oder angegriffen werden,
muss unser Rechtsstaat mit aller Konsequenz einschreiten. Vor allem aber gilt, dass wir Männer und Frauen mit
Zivilcourage brauchen. Dazu gehört auch, klar zu widersprechen, wennMuslime oder Flüchtlinge pauschal unter
Antisemitismusverdacht gestellt werden.

Ja, von Einwanderern und Flüchtlingen muss die Einhaltung von Recht und Gesetz und die Beachtung unserer
Werte verlangt werden. Umgekehrt haben sie aber auch den berechtigten Anspruch, respektvoll behandelt zu
werden und die Chance zu bekommen, sich ein neues, menschenwürdiges Leben aufzubauen. In dieser Verantwortung
stehen wir als aufnehmende Gesellschaft.

Um den Stellenwert des Engagements in diesem Bereich zu unterstreichen, haben wir 2016 den Nationalen
Integrationspreisins Leben gerufen. Damals hat die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen viele Kräfte
gebunden. Viele Menschen und Organisationen haben dabei Unglaubliches geleistet. Wir haben damals mit der
MesebergerErklärung zur Integration ein Paket geschnürt, das auf dem Grundsatz “Fördern und Fordern” beruht.
Dabei war dasIntegrationsgesetz ein wichtiger Baustein. Wir wollten vor allen Dingen erreichen, dass
Flüchtlinge schneller in Integrationskurse und Sprachkurseund schneller in Ausbildung und Arbeit kommen. An
einigen Stellen sind wir – das muss man sagen – schon beträchtlich vorangekommen. Wir haben neulich im
Gespräch mitVerbänden, die sich in der Flüchtlingshilfeengagieren, feststellen können, dass jetzt schon
300.000Flüchtlinge in Arbeit sind, viele in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Das
ist sehr, sehr gut. Zudem wollen wirgesellschaftlichesEngagement unterstützen und würdigen und haben deshalb
im vergangenen Jahr die StadtAltena für ihr Leitbild “Vom Flüchtling zum Altenaer Mitbürger” ausgezeichnet.

Der Einsatz für Integration und Wertevermittlungist sicher nicht immer leicht. Der Ton ist auch etwas
gereizter geworden. Aber gerade deshalb sind Vorbilder so wichtig. Wir haben heute viele Vorbilder hier:
Menschen, die Integration unterstützen, und Menschen, die selbst den Weg der Integration gegangen sind.
Deutschland wäre um vielesärmer ohne seine Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund. In diesem
Bewusstsein dürfen wir bei der Integration und ihrem Gelingen nicht nachlassen. ImÜbrigenist immer wieder die
Frage interessant: Wie lange integriert man sich, wann ist man integriert? Ich würde sagen, wenn man ganz
normalteilhat, Teilhabe geschafft hat, dann ist Integration gelungen. Aber das ist immer wieder eine
spannende Diskussion im Zusammenhang mit Integration.

Wenn wir heute den Preis vergeben, wollen wir auch ein Zeichen setzen, dass es sich lohnt, im Bereich der
Integration zu arbeiten, und dass dies ein Gewinn für alle ist. Natürlich soll ein solcher Preis auch ein
Ansporn für noch mehr sein, sich in diesem Gebiet zu tummeln.

Ich danke Ihnen hier nochmals herzlich für Ihren Einsatz. Ich bin neugierig darauf, mehr über die Projekte
zu erfahren, freue mich auf das Podiumsgespräch und übergebe das Wort wieder an LindaZervakis. Herzlichen
Dank.