Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Jubiläum

Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

zum 20-jährigen Bestehens des Amtes der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) am 29.
Oktober 2018 in Berlin:

Exzellenzen,
sehr geehrte Frau Staatsministerin, liebe Monika Grütters,
liebe Vorgängerinnen und Vorgänger,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Kabinett und dem Deutschen Bundestag,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern und Kommunen,
liebe Anwesende der Festversammlung,

vor zehn Jahren haben wir das ersterunde Jubiläum einer außergewöhnlichen und erfolgreichen Idee des
Bundeskanzlers GerhardSchröder gefeiert: zehn Jahre BKM. Damals, im Herbst 2008, nahm die internationale
Finanzkriseihren Lauf. Sie ging mit erheblichen Turbulenzen auf den Finanzmärkten einher. Das
Wirtschaftswachstum auch in unserem Land brach massiv ein. Nur mit vereinten Kräften, national und
international, konnten wir noch Schlimmeres verhindern. Trotzdem haben wir uns damals die Zeit genommen, die
Vielfalt der deutschen Kultur- undMedienlandschaft und den Anteil des Bundes daran zu feiern. Wir haben den
Etat – damals noch des, später dann der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien – immer wieder erhöht, und
das trotz aller Mühen zur Konsolidierung desBundeshaushalts.

Zu Recht verstehen wir uns in Deutschland als historisch gewachsene europäische Kulturnation. Wir brauchen
auch weiterhin die von der Kultur ausgehenden geistigen und kreativen Impulse – um es einmal in den Worten
einer ehemaligenPhysikerin etwas platt zu sagen. Denn solche Impulse sind grundlegende Voraussetzung für die
Innovationskraft und Zukunftsfähigkeitunserer Gesellschaft. Das heißt, Kultur und Medien sind für uns
sozusagensystemrelevant– um ein finanzpolitisches Wort aus der damaligen Zeit zu benutzen. Ohne Kultur keine
Tradition und kein Fortschritt; und ohne freie Medien keine lebendige Demokratie. Entsprechend hoch ist der
Stellenwert, den wir in der Bundesregierung der Kultur- und Medienpolitik einräumen. Sinnbildlich dafür steht
das Büro derStaatsministerin, das im Bundeskanzleramt beheimatet ist.

2008 haben wir nicht nur über Finanzkrisen und Jubiläengesprochen, sondern zum Beispiel auch über das
ehrgeizige Projekt des HumboldtForums. Was damals noch Zukunftsmusik war, hat inzwischen deutlich Form und
Gestalt angenommen. Ich konnte bereits im Frühjahr dieses Jahres den französischenStaatspräsidenten Emmanuel
Macronhierher einladen. Und nun bietet das Forum auch Raum für Veranstaltungen wie zum Beispiel diese
Jubiläumsfeier. Auch auf Berliner Großbaustellen kann es also vorangehen – das muss an diesem Tag noch einmal
betont werden. An dieser Stelle heißt es immer: Ich soll nicht vergessen, dass auch der Bund an anderen
Großbaustellen beteiligt ist. Das möchte ich daher ausdrücklich erwähnen.

Ende des nächsten Jahres wird das Forum offiziell eröffnet – und damit rechtzeitig im
Alexander-von-Humboldt-Jahr, das wir zu seinem 250. Geburtstag begehen werden. Alexander von Humboldt, eine
der für michbeeindruckendsten Persönlichkeiten, war Universalgelehrterund Weltbürger. Jahrelang reiste er
durch Amerika und Asien. Er stieg auf Vulkane und durchquerte entlegene Täler. Er widmete sich der Botanik
und betriebethnologische Studien und anderes mehr. Neugier triebAlexander von Humboldt an. Und er selbst
wiederumweckteNeugier. Unzählige Menschen strömten zu seinen Vorträgen und verschlangen seine Bücher. Wo
hatte man vorher schon einmal von derartigen Abenteuern gehört und gelesen? Gerne wäre ich bei einem dieser
Vorträge dabei gewesen. Ich bin immer wieder berührt: Wenn man auf den Spuren Alexander vonHumboldts nach
Lateinamerikakommt, dann merkt man, dass dort über ihn gesprochen wird, als hätte er erst vorgestern dieses
Kaffeehaus verlassen oder wäre in jener Straße spaziert. Er wirkt dort noch so lebendig, als hätte er nicht
vor 250 Jahren gelebt, sondern erst jüngst.

Alexander von Humboldt wurde und wird als zweiter Entdecker Südamerikas gefeiert, und das nicht von
ungefähr. Denn er wollte jede Kultur, so weit möglich, aus sich heraus verstehen. Diese Maxime spiegelt sich
im Konzept des HumboldtForums wider. Es will Einblicke in außereuropäischeKulturen vermitteln. Das Humboldt
Forum weckt Neugier, wie seinNamensgeber es getan hat.

Neugier auf andere Kulturen und das Bewusstsein für die eigene Kultur gehören unmittelbar zusammen. Je
besser wir unsere eigenen kulturellen Hintergründe kennen, umso besser können wir auch die Kulturen anderer
Länder und Völker begreifen,Gemeinsamkeitensehen und Unterschiede verstehen – und umso besser lassen sich
auch Wege zu einem friedlichen und gedeihlichen Miteinander auf unserer Welt finden. Nur wer sich auf den
Dialog der Kulturen einlässt, wer sich selbstbewusst weltoffen zeigt und sich nichtabschottet, kann auch die
Erfahrung einer gegenseitigen kulturellen Bereicherung machen.

Schon Alexander von Humboldt gelangte zu der grundlegenden Erkenntnis – ich zitiere aus seinem Reisetagebuch
in Mexiko –: “Alles ist Wechselwirkung.” Sich Wechselwirkungen vor Augen zu führen, verschiedenste Facetten
derGlobalisierungin den Blick zu nehmen, das eigene Weltbild zu erweitern – das ist es, wozu uns das Humboldt
Forum einladen will; und zwar nicht nur diejenigen, die ohnehin schon viel von der Welt gesehen haben,
sondern eben alle. Deshalb ist es wunderbar, dass dieDauerausstellung ohne Eintritt zugänglich sein wird.

Kultur hat die Kraft, Bewegung in gesellschaftliche Debatten zu bringen. Dies betrifft auch den Umgang mit
unserer Geschichte. Nehmen wir als Beispiel denKunstfund aus dem Nachlass des Kunsthändlers Gurlitt. Dieser
spektakuläre Fall löste vor fünf Jahren eine breite Debatte aus, die vor allem eines deutlich machte: Fragen
zursogenannten NS-Raubkunsterforderten bessere Antworten als die bis dahin gegebenen. So entstand unter
anderem das Deutsche ZentrumKulturgutverluste.

Derzeit machen wir uns intensive Gedanken darüber, wie wir Kulturgüter aus kolonialen Kontextenangemessen
behandeln. Ich hoffe auf ein gutes Miteinander der beidenStaatsministerinnen sowohl im Kanzleramt als auch im
Auswärtigen Amt und bin sehr interessiert daran, bei Gelegenheit von den gemeinsamen Erarbeitungenzu hören.
Das war keine lustige Bemerkung, sondern ein ehrliches Interesse. Ich halte es für eines derkomplizierteren
Dinge, sich mitKolonialkontexten auseinanderzusetzen.

Auch in diesem Zusammenhang zeigt sich, wie wichtig die Auseinandersetzung mit und die Aufarbeitung von
Geschichte ist. Das betrifft die Erforschung ebenso wie die Vermittlung der Ergebnisse und die Rückschlüsse,
die daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen sind – eine imwahrsten Sinn des Wortes zeitloseAufgabe.
Museen, Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Archivesind das Gedächtnis unserer Nation. Das ist auch
etwas, worum sich dieBundeskulturbeauftragte verdient macht.

Die Zahl der Zeitzeugen und Überlebenden, die wir zu der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, zum
ZweitenWeltkrieg und zum Holocaustnoch persönlich befragen können, ist nur noch sehr gering. Ich messe dieser
Übergangszeit vom Wissen der Zeitzeugen hin zum Wissen über die Zeitzeugeneine sehr, sehr große Bedeutung für
die Entwicklung unserer Gesellschaft bei. Es beginnt also ein neues Kapitel in der Aufarbeitung dieser
furchtbaren Zeit. Allen, die in unserem Land leben, gilt es die immerwährende Verantwortung Deutschlandsfür
denZivilisationsbruch der Shoah zu vermitteln. Unsere Werteordnungbasiert auf dieser Verantwortung. Dazu
gehört das klare und entschiedene Eintreten gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung. Dazu gehört
unser Einsatz für Demokratie,Rechtsstaatlichkeit und Frieden; und zwar nicht nur hierzulande, sondern überall
auf der Welt.

Mit zunehmender zeitlicher Distanz ergeben sich auch neue Herausforderungen für die Aufarbeitung der SED
-Diktatur in derDDR. Mittlerweile ist eine Generation herangewachsen, die die Berliner Mauer nur noch aus
Geschichtsbüchern und Erzählungen kennt. Ich sage: Zum Glück ist das so. Und zum Glück scheint für sie
Demokratie selbstverständlich zu sein. Aber sie haben das Glücksgefühl 1989 selbst nicht erlebt, die eigene
Meinung endlich freiäußernzu können, freie Medien nutzen zu können und freie Entscheidungen treffen zu
können, ohne staatlicheRepressionen – womöglich sogar für die ganze Familie – befürchten zu müssen.

Aber verspüren auch ältere Generationen dieses Glückgefühlnoch? Gehen wir in unserer Gesellschaft insgesamt
mit den Errungenschaften der Demokratie nicht manchmal etwas zu leichtfertig um? Ich finde, es sollte uns
sehr zu denken geben, dass wir verstärkt Angriffe auf so hohe Güter wie die Pressefreiheit erleben. Nicht
selten werden Tatsachen bewusst verdreht und Falschmeldungen in die Welt gesetzt, um gezielt Vorurteile und
Ressentiments zu schüren.

Ich rechne es unseren Kultur- und Medieninstitutionenhoch an, dass sie sich eine besondere Sensibilität für
Gefahren bewahren, die unsereWerteordnungbedrohen könnten. Sie spüren den Ursachen nach und spornen zum
Nachdenken an. Sie bieten ein breites Kontrastprogramm zum ideologischenScheuklappendenken. Genau das braucht
und belebt Demokratie.

Das gilt für unser Land ebenso wie für alle anderen. Daher will ich auch ausdrücklich würdigen, dass unsere
Kultur- undMedieninstitutionen oft auch als Botschafter eines freien und offenen Miteinandersin der Welt
wirken. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang die Deutsche Welle. Sie leistet unverzichtbare Arbeit
in Ländern, in denen der freie Zugang zu unabhängigen Medien oft sehr schwer ist.

Auch die Kunst muss viel zu oft um ihre Freiheit kämpfen. Wir sollten nie vergessen, dass die Kunstfreiheit
eine der wichtigsten demokratischen Errungenschaften ist – ein Wert an sich. Kunst lebt vom Experimentieren,
vomInfragestellen alter Gewissheiten, um sich weiterzuentwickeln. Das war schon bei den Klassikern so. Johann
Wolfgang von Goethe musste sich vonZeitgenossen unter anderem als “überwitziger Halbgelehrter” und ”
wahnsinniger Religionsverächter” bezeichnen lassen. Der Literaturhistoriker Heinrich Düntzerhatte dies im 19.
Jahrhundert in seinenbiografischenStudien über Goethe festgehalten. Dennoch gelang es Goethe, ein umfassendes
Werk von Weltruhm zu schaffen.

Kunst ist also definitiv nicht immer und für jeden etwas, das gefällt. Das kann – das unterstreiche ich ganz
besonders heute – gar nicht oft genug gesagt werden. Doch ungeachtet dessen wollen und müssen Künstler und
Kreative von ihrer Arbeit natürlich auch leben können. Das ist deshalb auch ein Anliegen, das die
Bundesregierung sehr ernst nimmt. Schon Alexander von Humboldt machte die Erfahrung, mit seinen Büchern und
Artikeln nicht das zu verdienen, was ihm zustünde, weil immer wieder auchRaubdruckeseiner Texte im Umlauf
waren.

Im digitalen Zeitalter stellt sich nun ganz besonders dringlich die Frage, wer mit einem Werk welche
Einnahmen erzielt. Wir wissen, dass nationale Antworten da nicht reichen. Wir brauchen europäische Lösungen,
um auch international etwas bewegen zu können. Tatsache ist, dass die Vielfalt der Kunst auch vom Verdienst
in der Kunst abhängt.

Wem an Vielfalt gelegen ist, der kann – auch das sei heute gesagt – auch nicht hinnehmen, dass Frauen immer
noch deutlich weniger verdienen alsihre männlichenKollegen. Am Talent allein kann das nicht liegen. Auch
mangelt es sicherlich nicht am Interesse von Frauen, im Kunst- undKulturbereichtätig zu sein. Aber fragen wir
uns doch einmal: Wie vieleIntendantinnen kennen wir eigentlich? Wie viele Dirigentinnenhaben wir schon
erlebt? Wie viele Frauen zählen wir zur Riege derTopseller in der Malerei? Die Antworten fallen wohl oder übel
eher ernüchternd aus. Das heißt, auch im Kunst- undKulturbereich brauchen wir eine echte Chancengleichheit
zwischen Frauen und Männern. Ein erster Schritt ist,Gremienwie Jurys paritätisch zu besetzen. Das kann
helfen, dass dieUnterrepräsentation von Frauen und deren Perspektiven bei Förderentscheidungenstärker
berücksichtigt werden. DieBKM-Filmförderung bietet hierfür gelungene Anschauungsbeispiele.

Ohnehin fließt in die Filmförderungbewusst viel Geld. In den zurückliegenden zehn Jahren hat allein der
DeutscheFilmförderfonds weit über 1.000 deutsche und deutsch koproduzierteWerke mit mehr als 650 Millionen
Euro unterstützt. Die Folge-Investitionen in Deutschlandbeliefensich auf 3,8 Milliarden Euro. Dazu kommen
noch diesogenannten weichen Effekte wie der Imagegewinn für Drehorte wie etwa Görlitz. Da zeigt sich einmal
mehr die Bedeutung von Kunst und Kultur auch als wichtigerWirtschaftsfaktor.

An der Literatur, am Film, am Theater, an der Musik oder Malerei, an der Kunst insgesamt wie auch an den
Medien können wir ablesen, wiezukunftsfähig eine Nation ist. Die Vielfalt der Kultur- und Medienlandschaft
regt den Geist an, weckt Neugier,provoziertund bereichert Debatten. Diese Vielfalt ist Ausdruck
gesellschaftlicher Entwicklungen und zugleich Treiber des Fortschritts. Wer sich dessen bewusst ist, weiß
also, warum es das Amt der beziehungsweise des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gibt;
und der weiß auch, dass es dieses Amt weiterhin geben muss. So findet daskultur- und medienpolitische
Engagement der Länder und Kommunen eine überaus hilfreiche Ergänzung durch den Bund. Und so stärken wir
gemeinsam unsereKulturnation in all ihren Facetten.

Allen, die daran mitgewirkt haben oder mitwirken, bin ich sehr dankbar – insbesondere auch den
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Bei dieser Jubiläumsfeier gilt mein Dank ganz besonders Ihnen, liebe Monika
Grütters. Und natürlich beziehe ich auch jeden Ihrer Vorgänger im Amt mit ein. Ihnen allen ein herzliches
Dankeschön. Kulturpolitik ist ein schöner Teil deutscher Politik. Herzlichen Dank.