Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Jubiläum

Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

bei der Jubiläumsfeier “60 Jahre Lebenshilfe” am 28. September 2018 in Berlin:

Haben Sie vielen Dank für den herzlichen Empfang. “Die Lebenshilfe strahlt Wärme aus”, diesen Satz habe ich
bei meiner Vorbereitung auf diese Rede irgendwo gelesen. Und jetzt, schon nach den ersten Eindrücken heute
Mittag hier im Café Auster, verstehe ich noch viel besser, was damit gemeint ist.

Liebe Frau Günther, ich danke Ihnen für die ganz besonders freundlichen und herzlichen Begrüßungsworte. Wer
Ihnen nur einen Augenblick lang zuhört, dem wird sofort klar, warum es so wichtig ist, dass Menschen mit
Behinderungihre Interessen in Politik und Gesellschaft selbst vertreten – als Expertinnen und Experten in
eigener Sache, aber auch als sympathische Vorbilder für uns alle. Herzlichen Dank für Ihr Engagement!

Das ist nur einer der vielen Gründe, weshalb ich, als Ulla Schmidt mir die Einladung zur Geburtstagsfeier
ankündigte, schon “ja” gesagt habe, bevor das Einladungsschreibenüberhaupt auf meinem Schreibtisch lag.
Herzlichen Dank für die Einladung!

Ich darf vielleicht zur Vorgeschichte sagen, dass ich vor etwas mehr als einem Jahr zu Besuch in den
Hannoverschen Werkstättenwar. Hannover kenne ich ganz gut. Ich habe zehn Jahre dort gewohnt mit meiner
Familie. Im Büro für Leichte Sprache inLaatzen habe ich mir genau erklären lassen, wie man Verträge, sogar
Gesetzentwürfe, ganze Bücher so verwandeln kann, dass möglichst jede und jeder sie versteht.

Einer der Übersetzer, den ich damals getroffen habe in Hannover, Andreas Finken, hat zu mir gesagt: “In
meinen Augen ist es Demokratie, wenn jeder Mensch die Wahl hat, ob er einen Text in leichter oder in schwerer
Sprache lesen möchte.”

Das hat mir nicht nur gefallen, das hat mich überzeugt. Und damit heute jeder hier im Saal die Wahl hat,
haben wir meinRedemanuskriptschon vorab in Leichte Sprache übersetzen lassen. Und ich kann nach dieser
Erfahrung allen, die Reden und Vorträge halten, nur empfehlen, das wenigstens auchmalauszuprobieren – denn
man lernt dabei selbst eine Menge darüber, wie schwer die Sprache manchmal ist, an die man sich selbst
gewöhnt hat, und wie leicht es ist, sie verständlicher zu machen.

Wir feiern heute einen wunderbaren runden Geburtstag: 60 Jahre BundesvereinigungLebenshilfe! Das sind 60
Jahre Engagement für eine Gesellschaft, in der es normal ist, verschieden zu sein und in der Menschen mit
Behinderung gleichberechtigt und soselbstbestimmtwie möglich am Leben teilnehmen können und sollen – im
Kindergarten und in der Schule, im Wohnviertel und am Arbeitsplatz, in der Freizeit und in der Politik.

Sie alle miteinander dürfen stolz darauf sein, was Sie erreicht haben – für Menschen mit geistiger
Behinderung undihre Familien, aber auch für die Kultur des Miteinandersin unserem Land. Ich freue mich, heute
bei Ihnen zu sein, und ich gratuliere der Lebenshilfe zum Geburtstag. Ihnen allen von Herzen meinen
Glückwunsch zumSechzigsten!

Im Rückblick wird uns bewusst, welch unglaublichen gesellschaftlichen und politischen Wandel die Lebenshilfe
in diesen 60 Jahren mit vorangebracht hat. 1958, als dieBundesvereinigung gegründet wurde, lag das dunkelste
Kapitel der deutschen Geschichte noch nicht lange zurück. DieNationalsozialistenhatten Menschen mit
Behinderung als so genannte “Ballastexistenzen” oder als “lebensunwertesLeben” erniedrigt, zu medizinischen
Experimenten missbraucht und, wie wir wissen, zu Hunderttausenden ermordet.

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik war die menschenverachtendeIdeologie der Nazis nicht einfach und
sofort aus allen Köpfen verschwunden. Menschen mit geistiger Behinderung undihre Familien stießendamals oft
auf Vorurteile, auf Unverständnis, sogar auf offene Ablehnung. Viele waren zu einem Leben am Rand der
Gesellschaft verurteilt.

Zum Glück gab es Zeitgenossen, die sich damit nicht abfinden wollten – allen voran Tom Mutters, der
niederländischePädagoge, der als Beauftragter der Vereinten Nationen nach Deutschland gekommen war. Schon in
den 1950er Jahren verbreitete er unermüdlich seine Botschaft: Menschen mit geistiger Behinderung gehören
dazu, ohne Wenn und Aber, sie brauchen nur mehr Unterstützung.

TomMutters machte damals vielen Eltern Mut, sich zu ihren Kindern mit Behinderung zu bekennen und gemeinsam
fürihre Rechte zu kämpfen. Er trugdazu bei, dass ein neues Selbstbewusstsein und der Wille zur Selbsthilfe
tatsächlich wachsen konnten. DieBundesvereinigungLebenshilfe, die er gemeinsam mit Eltern und Fachleuten in
Marburg gründete, war eine der erstenBürgerbewegungenin der Bundesrepublik. Sie steht bis heute für den
Neubeginn in derBehindertenhilfe, aber auch für den gesellschaftlichen Aufbruch in unserem Land.

Heute feiern Sie zum ersten Mal einen runden Geburtstag der Lebenshilfe ohne Tom, den Gründer. Er, der in der
Hinwendungzum Nächsten den wirklichen Sinn des Lebens erkannt hatte, war ein Wegbereiter unserer offenen und
solidarischen Gesellschaft. Ich finde, gerade in einer Zeit, in der diese Gesellschaft immer mehr in
Einzelteile zu zerfallen droht, sollten wir gerade daran erinnern.

Die Lebenshilfe hat in 60 Jahren entscheidend dazu beigetragen, dass wir dem großen Ziel einer inklusiven
Gesellschaft in unserem Land Schritt für Schritt näher gekommen sind – von der Einführung derSchulpflichtfür
Kinder mit geistiger Behinderung bis hin zur UN-Behindertenrechtskonvention. Und es ist gar nicht so sehr der
Erfolg der Politiker, sondern es ist Ihr Erfolg, dass das “Wahlrecht für alle” jetzt auch endlich im
Koalitionsvertrag verankert werden konnte. Herzlichen Glückwunsch dazu!

Mein Dank gilt heute den vielen Menschen, die sich für die Lebenshilfe engagieren: den Müttern, Vätern und
anderen Angehörigen, den ehrenamtlichen undhauptberuflichenMitarbeiterinnen und Mitarbeitern – und nicht
zuletzt natürlich den Menschen mit Behinderung selbst, die imBundesvorstand, in Ortsvereinen oder
Werkstatträten mitwirken, ganz nach dem Motto “Nichts über uns ohne uns”.

Sie alle wissen, wie mühsam das Engagement in unserer Demokratie manchmal ist. Wie anstrengend es sein kann,
Kompromisse zu erarbeiten, sie einzugehen, zu ertragen und in der eigenen Organisation zu vermitteln. Es geht
nicht immer auf geradem Weg voran. Und nicht immer so schnell, wie man das gern hätte. Aber die Geschichte
der Lebenshilfe zeigt eben auch: Engagement lohnt sich, und zwar für uns alle. Ich danke Ihnen für Ihren
Einsatz!

Die Lebenshilfe hat in den vergangenen Jahren auch viel dazu beigetragen, dass Menschen mit und ohne
Behinderung sich im Alltag begegnen und schätzen lernen können. Aber ich weiß natürlich: Auch heute noch gibt
es Vorbehalte und Vorurteile, auch heute noch erleben Menschen mit Behinderung Situationen, in denen sie
ausgegrenzt oder bevormundet werden.

60 Jahre nach Gründung der Bundesvereinigung Lebenshilfe ist die Verwirklichung der Vision von TomMutters
immer noch eine große Aufgabe – für die Politik, aber vielleicht mehr noch für die Gesellschaft. Ich finde,
wir müssen in diesen Zeiten wieder verstärkt darauf aufmerksam machen, dass es normal ist, verschieden zu
sein, dass alle Menschen gleich viel wert sind und gleiche Rechte haben. Denn wir erleben ja heute, wie in
ganz Europa politische Kräfte Zulauf erhalten, die Vielfalt ablehnen. Wir erleben, wie der Ton in der
politischen Debatte rauer und die Spracheunmenschlicher wird. Wir erleben, wie Empathieund Solidarität von
manchen als Schwäche ausgelegt werden.

Wir erleben auch, wie die fortschreitenden Möglichkeiten der Pränataldiagnostikbei manchen den falschen
Eindruck erwecken, es gebe so etwas wie ein allgemeines Interesse daran, kein Kind mit Behinderung zukriegen
und, wo sich das andeutet,abzutreiben – und Eltern behinderter Kinder sogar unter Rechtfertigungsdruck
geraten, ganz nach dem Motto “Das muss doch heute nicht mehr sein”.

Und nicht zuletzt erleben wir, wie viele Menschen unter großem Druck stehen, weil sie meinen, dem Zeitgeist
derSelbstoptimierung hinterherhechelnzu müssen – der Vorstellung also, wir müssten ewig jung, niemals krank
und unbegrenzt leistungsfähig sein, immer schöner undglücklicherwerden und uns dabei ständig mit anderen
vergleichen.

Mal ganz davon abgesehen, dass das Streben nach solchen überzogenen Idealen viele Frauen und Männer in die
Erschöpfung treibt: Es leistet der Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigungen Vorschub, und das dürfen wir
nicht hinnehmen! “Es gibt keine Norm für dasMenschsein” – diesen schönen Satz hat Bundespräsident Richard von
Weizsäcker schon vor 25 Jahren gesagt.

Was uns als Menschen verbindet, ist die Würde, die jede und jeder von uns besitzt, ohne Rücksicht auf
körperliche oder geistige Eigenschaften. Was uns verbindet, ist die Fähigkeit, Glück und Freude zu empfinden,
zu lieben und Freunde zu gewinnen. Es ist der Wunsch, kreativ zu sein und sich als Persönlichkeit
schöpferisch, auch durch Kunst, auszudrücken. Und es ist die Sehnsucht, in seiner Einzigartigkeit beachtet
und geachtet zu werden.

Ich finde, die Kunstwerke Ihres Wettbewerbs lassen das tatsächlich ganz plastisch werden: Sie geben Einblick
in Gedanken und Gefühle von ganz verschiedenen Menschen, auch von solchen, denen es nicht oder nur schwer
möglich ist,ihre Empfindungen in Worte zu fassen. Und sie machen klar: Das Thema Teilhabe und Ausgrenzungist
nicht reserviert für Menschen mit Behinderung, sondern es geht uns alle an.

Nicht nur mit diesem Wettbewerb zeigt die Lebenshilfe, was es heißt, Humanität zu leben. Sie steht für
Offenheit, Vielfalt und ein partnerschaftliches Miteinander, für Respekt und Achtung, aber eben auch für
Gelassenheit und gesunden Humor – im Umgang mit anderen, aber auch mit sich selbst.

Von dieser Haltung brauchen wir heute eindeutig mehr in unserem Land. Deshalb, liebe Lebenshilfe, wenn ich
einen Wunschäußern darf zu Ihrem Sechzigsten: Lassen Sie nicht nach, wenn es darum geht, Menschenrechte zu
verwirklichen, bleiben Sie sichtbar und hörbar! Lassen Sie uns unsere humane Gesellschaft gemeinsam
verteidigen, und lassen Sie uns dabei das Feiern nicht vergessen! Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch!